Die Christbaumaffäre

Die Christbaum-Affäre

Herr Pfein war stolzer Vater zweier Söhne und einer Tochter im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Seine Frau Helga war zwar nicht mehr die Schönheit, die er vor 20 Jahren geheiratet hat, aber sie war eine gute Mutter und konnte auch vorzüglich kochen.

Weihnachten steht stand wieder mal vor der Tür und Vater Pfein überlegte, ob er wirklich wieder einen Baum besorgen solle. Früher freuten sich die Kinder, wenn sie den Baum schmücken durften. Voriges Jahr durfte er es dann selbst machen. Nicht einmal der Jüngste hatte Intresse daran, Vater zu helfen. Und nach dem Fest wollte den Baum auch keiner mit abbauen. Vater weigerte sich, rein aus Trotz, es selbst zu tun und lies ihn stehen. Dies geschah mit dem Ergebnis, daß der Baum noch bis Mitte Februar im Wohnzimmer stand. Dann baute er ihn doch selbst ab, damit seine Schwiegermutter nicht wieder über ihn und sein Baumgerippe lästert. Die hat nämlich gehörig Haare auf den Zähnen.

Dieses Jahr, so beschloß er, wird es also keinen Baum geben. Und diesen Beschlu_ war er auch bereit umzusetzen. Auf den Hinweis seiner Frau, daß es an der Zeit wõre, einen Baum zu besorgen, stand er vom Frühstückstisch auf, brabbelte etwas vollkommen unverständliches in seinen Bart und ging in seinen Werkkeller. Mutter war nicht dumm, und sie erinnerte sich auch noch sehr gut an das letzte Jahr; als sie ihren Mann ständig fluchen hörte, weil er wieder in die Zweige gegriffen hatte. Rumpelstilzchen wõre dagegen ein Witz gewesen.

Als sie Vater abends noch einmal auf das Thema brachte, entgegnete dieser nur, daß die Kinder schon zu alt für einen Baum seien. Außerdem mache so ein Baum nichts als Arbeit und Dreck. Die Kinder haben dies natürlich auch gehört und schauten einander an. Wie kann man denn Weihnachten ohne einen schönen geschmückten Weihnachtsbaum feiern, fragten sie sich. So etwas gehe doch gar nicht.

Doch Vater blieb hart. Am nächsten Morgen übertönte das Schweigen am Frühstückstisch fast schon das Radio. Alle machten betretene Gesichter, selbst Vater wurde von der allgemeinen Stimmung überrollt und lies die Wangen hängen. Aber er müsse standhaft bleiben, dachte er. Er gab Mutter den üblichen Abschiedskuß und machte sich auf den Weg zur Fabrik.

Dann nahm die Tochter ihre Autoschlüssel und drängte ihren kleineren Bruder dazu, schneller zu essen, damit sie nicht zu spät zur Arbeit erscheine. Der ältere Sohn hatte eine Mofa und konnte damit selbst zur Lehrstelle fahren. Der Jüngere ging noch zur Schule. Mutter wollte den Vormittag nutzen, um ein paar Einkäufe in der Stadt zu erledigen.

Als sie so durch die Einkaufszone schlenderte, hörte sie immer wieder den Marktschreier mit seinen Bäumen. Sie überlegte lange hin und her, bis sie sich schließlich dazu entschloß, auf eigenes Risiko einen Baum zu kaufen. Sie einigte sich mit dem Verkäufer auf eine Anlieferung im Laufe des Nachmittages. Sie kaufte dann noch ein paar Geschenke und machte sich wieder auf den Weg nach Haus, um das Mittagessen vorzubereiten.

Sie war gerade dabei die Soße abzuschmecken, als sie hörte, wie ihr Jüngster heimkam. Er kam nicht allein, sondern mit zwei Freunden. Die halfen ihm dabei, den Baum, den er von seinen Ersparnissen gekauft hatte, durch die Eingangstür zu stemmen. Als Mutter den Baum sah, konnte sie sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Nun hatten sie also schon zwei Bäume.

Gute zwei Stunden später hörte Mutter, wie draußen irgend etwas mit lautem Scheppern auf den Radweg fiel. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie ihren Ältesten, wie er sich gerade den Schnee von der Kleidung klopfte. Er hob dann seine Mofa vom Weg hoch und öffnete die Gartenpforte. Als er seine Mofa durch die Einfahrt schob, sah sie auf den Schlitten der unsachgemäß befestigt, von der Mofa gezogen wurde. Da war er also, Baum Nummer drei.

Mutter wunderte sich schon gar nicht mehr, als der Freund ihrer Tochter auch noch mit einem Baum vor der Tür stand. Sie schaute nur etwas benommen auf den Zimmerwald, als sie ihrer Tochter noch etwas Geld gab, um genügend Tannenbaumschmuck nachzukaufen.

Das Gesicht des Baumverkäufers wäre wahrhaftig ein Foto wert gewesen, als er Mutters Baum lieferte. Dann fragte er Mutter, ob an dem An- und Verkaufsgeschäft von Weihnachtsbaümen wirklich etwas zu verdienen sei und ging kopfschüttelnd aus dem Haus.

Als Vater schließlich zum Abendbrot heimkam, rief er seine Familie noch von der Haustür aus zusammen. Er verkündete mit geschwollener Brust, daß Weihnachten ohne Baum keine Weihnachten sei. Und dann drehte er sich zur Haustür raus, um seinen Weihnachtsbaum stolz ins Haus zu heben. Doch als er sich wieder seiner Familie zuwendete, verstand er die Welt nicht mehr. Mutter lachte so sehr, daß ihr die Augen feucht wurden. Der Jüngste schien vor Lachen keine Luft mehr zu kriegen und auch der Rest der Anwesenden konnte spätestens jetzt nicht mehr an sich halten.

Vater Pfein war eigentlich nicht besonders unintelligent. Aber wie er da mit seinem Baum im Flur stand, sah er eher aus, als wäre er der Dorfdepp in Person. Als Mutter sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, bat sie ihren Göttergatten, den Baum doch in das Wohnzimmer zu tragen. Der Aufschrei Vaters war wegen des Gelächters kaum wahrnehmbar und als er in das Speisezimmer trat hatte sich an seinem Gesichtsausdruck nicht viel geändert. Er ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und schaute in die Runde seiner Lieben.

Dann rückte er an den Tisch, begann allmählich zu lächeln und sagte: „Dann wünsch ich allseits ein frohes Fest. Und Morgen schmücken wir unsere Bäume; Jeder den seinen.“

E N D E

Dieses Weihnachtsmärchen ist für alle Väter und Mütter gedacht, ohne Ausnahme.

21.10.91 Kay Fiedler

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