Die Glitzerlichtung

Die Glitzerlichtung

(joyclub-Edition 2011)

Seit über einem Viertelhundert streife ich durch die Wälder, ernähre mich von dem was die Natur für mich bereit hält. Von Zeit zu Zeit verweile ich an einem Ort und versuche mich in Sesshaftigkeit, nur mit der Erkenntnis, dass es da nichts gab, was mich auf Dauer halten konnte. Oft wurde ich schon auf der Pirsch selbst von Wildtieren angegriffen und verletzt. Ein solcher Angriff schwächte mich zuletzt so weit, als dass ich fortan nur noch als einfacher Farmer von Frucht und Korn leben wollte. Die Wunden heilten nur schwerlich aber das Korn gedieh und verlangte meine volle Aufmerksamkeit für Zucht und Pflege.

Doch vor wenigen Tagen fand ich beim Holzsammeln einen Ast, wie geschaffen für einen neuen Bogen. Ich nahm ihn mit zu meiner Lagerstatt und bearbeitete ihn. Es war mit Sicherheit der schönste Bogen, den ich in meiner Schützenlaufbahn je gefertigt hatte. Mein Herz schlug wieder schneller und ich stellte mir schnell noch einen einzelnen Pfeil her, denn mehr Zeit hatte ich nicht mehr. Mein altes Jagdfieber ließ den Schmerz der permanent aufplatzenden Wunde fast vergessen. Ich dachte an das deftige Fleisch eines Hasen oder eines Keilers und der Pfeil fertigte sich wie von selbst. So bemerkte ich nicht einmal, dass der Tag sich bereits verabschiedete.

Ich legte mein Farmergewand ab und zog meine leichte Jägerkluft an. Mit ihr konnte ich dem Brett schnell im Dickicht folgen und das Leder schützte mich im Lauf vor Dornen und Witterung. So bestieg ich den Weg zum Wald.

Als ich dem Wald näher kam, hörte ich bereits das Leben, das in ihm sprühte. Dunkle Bässe wummerten in meinem Kopf und ließen Angst aber auch Verlangen in mir aufsteigen. Ich bahnte mir einen Weg durch die schwarzen Baummassen. Der Lärm um mich wurde immer lauter und Ohrenbetäubender. Ich schlug mir meinen Weg bis zur Waldschänke. Ich schulterte meinen bis dahin schussbereiten Bogen und bestellte wenig später einen Humpen eiskalter Hopfenschale, dass sich kühlend in meine Kehle ergoss.

Auf einem Hocker sitzend beobachtete ich einen Teil des Waldes. Die bisweilen leblos und einfach nur schwarz wirkenden Bäume schienen sich zu bewegen. Ja, der ganze Wald schien mit einem Male zu leben. Lag dies an dem Gesöff?

Ich löhnte der durchaus nicht hässlichen Schankmaid die Zeche und wendete mich wieder dem Wald zu. Einige Bäume schritten beiseite und gaben einen Weg zu einem Ort frei, der von Lichtern überflutet schien. Der Bogen glitt wie eine Verlängerung meines Armes von der Schulter in meine Hand, der Pfeil war eingelegt, ohne dass ich noch drüber nachdenken brauchte. Auf dieser Lichtung würde ich mein Wild finden und erlegen, soviel war sicher.

Die letzten Meter schlich ich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Der wummernde Rhythmus in meinem Kopf wurde mit jedem Schritt stärker. Die Lichtung schien das Zentrum des Waldes zu sein. Dort schlängelten sie sich, bogen sich in den blinkenden und blitzenden Lichtern des Himmels.

Dort tummelten sich sämtliche Tierkreiszeichen und jeder Baum der in die Lichtung trat wandelte sich ebenfalls zu einem von ihnen. Ich hatte schon lange keine Glitzerlichtung mehr betreten und die Angst ließ mein Blut schneller und schneller pulsieren. Dort sah ich einen Wassermann, dort eine Krebsfrau. Eine viel zu aufgetakelte Steinbockfrau lächelte mir zu und mein Schützengemüt bedankte sich schelmisch mit einem freundlichen Zwinkern. Mit der Zeit verlor ich die Übersicht und genoss nun endlich wieder das Bad in der Menge. Ich gab mich dem Rhythmus hin und wog mich ebenfalls im Takt, während ich meinen Bogen langsam sinken ließ.

Wäre ich doch nur ein wenig aufmerksamer gewesen, denn das gefährlichste aller Tierkreiszeichen sprang in die Lichtung und schlich sich im Schutze der Wiegenden in meine Nähe. Viel zu spät bemerkte ich die geschmeidigen Bewegungen, den alles beherrschenden Blick, als dass ich den Bogen noch hätte hochreißen können, um mich vor der Löwin zu schützen. Meine sonst auch nicht langsamen Reflexe versagten völlig und meine Arme blieben unten, während ich in die wunderschönen Augen der Löwin schaute.

Ich erwartete jeden Moment ihren Ansatz zum Sprung, aber anstatt mich anzugreifen umtanzte sie mich, ohne mich aus ihrem glasklaren Blick zu entlassen. Es war ein gefährliches Spiel. Es war ein Spiel, welches ich in der Vergangenheit schon so oft verloren habe. Ich erinnerte mich plötzlich an meine Wunden und wollte wiederum den Bogen zum Schuss hochziehen, denn ich wusste dass ich hier hoffnungslos unterlegen war. Ich wollte nicht schon wieder verletzt werden. Ich bin ein Schütze, ein Jäger der wohl den meisten Tieren gewachsen ist, aber wann immer ich auf der Pirsch einer Löwin begegnete, unterlag ich.

Die letzte Löwin riss mir mit einem Biss in mein Herz, obgleich ich versuchte ihre äußeren und inneren Verletzungen gesund zu pflegen und ihr genug Zeit zu lassen zahmer zu werden. Nach ihrer Rückkehr in die Wildheit blieb mir nichts übrig als mich in Schmerzen in die Fremde zu flüchten, ehe sie mich ganz töten konnte. Fortan wollte ich also nicht so schnell wieder auf die Jagd und nun dies.

Während diese Bilder in sekundenschnelle noch einmal an mir vorbeizogen überstrahlte das Lächeln dieser Löwin plötzlich sämtliche anderen Gedanken. Ich war mir meiner Vergangenheit zwar klar bewusst, aber ich war wieder einmal bereit mich auf ein neues Spiel einzulassen. Vielleicht sei diese Löwin endlich die Löwin meines Lebens?

Da war plötzlich niemand mehr auf der Lichtung. All die anderen wandelten sich wieder zu unscheinbaren Bäumen, obgleich sie sich weiter auf der Lichtung bewegten. Aber meinem Gefühl nach tanzten sie viel langsamer zu einer ganz anderen Musik. Die Löwin spielte weiterhin mit mir. Je länger ich sie beobachtete umso bewusster erinnerte ich mich daran ihr schon vor Jahren einmal bei der Jagd begegnet zu sein.

Auch damals hatte ich, angeblich für Schützen untypisch, nur einen Pfeil bei mir. Als sie mir begegnete ahnte ich die Löwin in ihr nicht, obgleich ich es hätte wissen müssen, wie ihr Blick mich damals schon fesselte und romantische Gefühle in mir weckte. Damals legte ich mit meinem Pfeil auf sie an, muss sie aber verfehlt haben, denn sie sprang in weitem Zickzack in den Wald zurück und ich sah sie lange Zeit nicht wieder.

Zu jener Zeit fehlte mir der Mut einen zweiten Pfeil für sie zu fertigen und es noch einmal zu versuchen, da ich glaubte bereits zuviel gewagt zu haben und ich mich sonst nur lächerlich machen würde, wenn sie doch nichts für mich empfinden würde. Also zog auch ich mich aus dem Revier der Löwin zurück. Ja, so war das damals, ich erinnere mich gut daran, denn ich wartete innerlich noch länger auf eine Reaktion.

Doch jetzt war sie hier und ihr Lächeln war frischer, schöner und herrlicher, als alles, an das ich mich erinnern kann. Sie ließ mich in ihre wundervollen Augen fallen und fing mich mit einem einfachen Lächeln wieder auf, genau wie damals. Ich schaute auf ihre geschmeidigen Tanzbewegungen, ihren Körper, ihre Haare. Aber so sehr ich auch schaute, ich konnte nirgends meine alte Pfeilspitze entdecken, keine Narbe, keinen anderen Makel an ihr.

Woher kam sie nur plötzlich, wenn ich sie tatsächlich verfehlt hatte? Hätte ich die Narbe gefunden, hätte sie sie mir jetzt gezeigt, ich wäre auf sie zugegangen und hätte mich mutig in den aussichtslosen Ringkampf mit der Wildkatze eingelassen. Einer solchen Frau begegnet man mit Sicherheit nicht allzu oft im Leben und für nur einen dieser Blicke hätte ich ihr sofort einen Antrag machen müssen, aber meinte sie wirklich mich?

Wir drehten uns weiter um uns und der Sound des Barden Gigi D´Agostino, dessen Klänge ich heute zum ersten Mal hörte, wurde mit diesem Augenblick da wir uns beäugten unsterblich in meinem Herzen. Aber was bedeutete dieser unglaubliche Blick nun für mich? Sollte er nur unsere Freundschaft bestätigen? Sollte mich dieser Blick tatsächlich verführen? Oder sollte dieser Blick einfach nur zu ihrer freundlichen Natur gehören? Sollte er vielleicht gar nichts bedeuten?

Nein! Noch nie sah ich einen solchen Glanz in den Augen, ohne dass da ein ehrliches Gefühl hinter steckte. Warum wagte sie den Sprung nicht, um mich niederzustrecken? Warum konnte ich den Bogen nicht hochreißen und sie erlegen? Wer wartete hier auf wen? Bislang konnte ich mich auf die Sprache der Augen anderer Menschen immer verlassen, selbst wenn ihre Münder etwas völlig anderes aussagten, aber dieser Blick ist mir mein größtes Rätsel seit Langem. Wer ist sie, die Frau hinter diesen Augen?

Schon damals fragte ich mich, wie ein Kuss dieser Frau wohl schmecken mag, wie sie wohl riecht, wie eine feste Freundschaft mit ihr wohl sein würde, wie sie wohl nach einer langen Nacht lächelnd mit zerzausten Haaren aussieht, wie wohl unser erster richtiger Streit aussieht und wie unsere Versöhnung danach. Ich weiß nicht, ob ich die Antwort darauf je finden werde, ob ich diese Frau erfahren darf. Vielleicht wagt auch sie den Sprung nur deshalb nicht, da sie Angst hat, dass ich die davonstreunende Löwin meiner Vergangenheit zu sehr vermisse.

Dabei habe ich selbst viel mehr Angst davor, wieder durch eine Löwin so schwer verletzt zu werden, als wieder an die unheilbare Streunerin zu verfallen. Davor bräuchte sie keine Angst zu haben. Ich denke sogar, dass mir meine guten und schlechten Erfahrungen mit jener Streunerin, jetzt da diese schöne, gesunde und starke Löwin vor mir steht, nur helfen kann schwierige Situationen besser zu meistern und unsere Beziehung zu einer ewigen Liebe zusammenzuschweißen.

Immer mehr sehe ich ihr in die Augen und genieße das Gefühl der Vertrautheit zwischen unseren Blicken. Immer noch hat sie den Sprung nicht gewagt, dabei ist es an ihr sich mir zu offenbaren und mir zu zeigen ob ihr Blick mehr bedeutet. Ich möchte ihr so gerne meine Welt zeigen und hoffen, dass meine und ihre Welt zusammenwachsen können.

Ay meine Löwin, Du bist stark umworben, wo Du auch auftauchst. Ich kann den Pfeil nicht auf Dich anlegen, solange ich unsicher bin. Aber wenn ich mich jetzt nicht entscheide, Dir zu sagen was ich möchte, dann werde ich Dein Herz wohl nie für mich gewinnen können. Also hebe ich langsam und behutsam den Schussarm, bilde eine gerade Linie zwischen Pfeil und Deinem Herzen und spanne den Bogen durch. Die Sehne schneidet sich leicht in meine Finger. Die Sehne schnellt durch den Bogen und der Pfeil schießt durch die Luft.

Was jetzt passieren wird, dass weiß ich nicht. Habe ich diesmal richtig gezielt? Wird der eine Pfeil reichen um Dich zu erreichen, um wenigstens auf mich aufmerksam zu machen?

Ich registriere das Anspannen Deiner Muskeln…

Ay, meine Löwin, spiel Dein Spiel mit mir, zeig mir wie ernst Dir das Spiel ist. Zerkratz mir meinen Rücken, raufe mit mir und gib mir immer wieder das Gefühl eine Chance bei dem Kampf zu haben. Leg Dich wie eine Katze auf den Rücken und geb Dich besiegt, nur um plötzlich wieder aufzuspringen und mir mit einer Deiner Pfoten eine Kopfnuss zu verpassen und mich anzufauchen.

Deine Läufe senken sich zum Absprung…

Sei liebevoll und hart, zänkisch und temperamentvoll, genieße mit mir den Sonnenuntergang und das Meer und tanz mit mir die Nacht durch bis wir am nächsten Morgen nur noch Tod… -müde ins Bett fallen und schlafen ehe wir auch nur Gutnacht sagen können, lass uns nächtelang durchquatschen oder einfach nur beieinander sein und einander unseren Herzschlag genießen.

Lache über meinen Humor und hasse meine Marotten. Sei meine Muse, dass ich noch viel mehr schreiben kann, meine Inspiration die mir die Kraft und Energie verleiht, die ich zum Leben und Schreiben brauche. Ja, vielleicht trage ich viel zu dick auf, aber ich fühle was ich schreibe und ich schreibe, was ich fühle. Ich bin sicher kein Heiliger aber auch kein übermäßiges Arschloch, vielleicht eher ein Spinner – aber ein lieber Spinner.

Spring auf mich zu, meine Löwin! Satz…

EPILOG

So stand er da, der Schütze in seinem zerschlissenen durchgeschwitzten Jagdgewand. Die inzwischen plötzlich aufgegangene Sonne blendete ihn, dass er nicht sehen konnte, ob sein Pfeil sein Ziel erreicht hatte. Die Löwin war noch da, dass konnte er hören. Doch? Kam sie auf ihn zu, oder entfernte sie sich von der Lichtung?

Währenddessen kam eine Bewirtung vorbei und forderte die letzten Gäste an der Theke zum Gehen auf. Die letzte Musik verstummte und der DJ bedankte sich noch einmal für den Abend und forderte auch den Schützen auf, der sich erst langsam an die hellen Lichter der Scheinwerfer gewöhnte.

Der Schütze stand immer noch auf der Tanzfläche und versuchte sich gedankenverloren an die letzten Minuten zu erinnern, seit der Pfeil die Sehne verließ und es jetzt so hell wurde. Die Löwin hatte sich ihren Mantel schon umgelegt und hielt ihm seine Jacke hin, legte ihren Kopf schief auf die Schulter, dass ihr ein paar Haare vor die Augen fielen. „Kay? Kommst Du?“, fragte ihre Stimme mit einem Lächeln, „hier wird geschlossen!“. Kay nahm seine Jacke und erwachte erst jetzt so richtig aus seiner Träumerei. Er erkannte die Diskothek, die Leere die hier herrschte, sein verschwitzes T-Shirt und die wunderschönen Augen seiner Begleiterin.

Den ganzen Weg die Treppe hinunter bis zum Auto, stellte er sich die Frage, was denn nun passiert sei. War da ein Kuss, oder war es nur seine Fantasie, die ihn dies Träumen ließ?

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