Babalu

„Babalu“

Babalu. Ja, ich bin mir dessen bewusst. Es ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Babalu. Ich habe keine Ahnung warum, aber es schoss durch meinen Kopf. Eben gerade… Babalu. Ich bin mir sicher, dass es nicht von mir stammt, denn für ein großes Wort ist es zu wenig und für ein geistlich kreatives Wort so früh am Morgen, noch vor dem ersten Kaffee, einfach zu genial. Babalu. Irgendwo steht auf dieser Welt ein Mann in Feinrippunterwäsche vor seinem Spiegel, kratzt sich den Rasierschaum mit der Klinge in Bahnen herunter und denkt bei sich „Mensch…, Babalu!!!“ Es gibt dieses Wort, da bin ich sicher. Es ist sicher ein Gruß, so wie „Aloha“, vielleicht dachte ich auch an Balu den Bären, oder einen Barbaren namens Lou. Ich weiß ja nicht mal, ob die Schreibweise korrekt ist! Schreibt man es möglicherweise Babbalou?

Als ich mich vor den leeren Bildschirm setzte, suchte ich nach dem universalen, dem einzigartigen, dem unumstößlichen Geistesblitz, der die Weiße des Screens mit Worten beschmutzte ohne überflüssig zu erscheinen. Aber da war nichts. Da war kein Gedicht, keine Geschichte, kein Held, kein Aufhänger, der es berechtigt hätte, wildes Geklapper auf der Tastatur zu gestatten. Da war nur eins… Babalu!

Ich könnte Baba-Lou zum Helden meiner Geschichten machen, aber ich verletze damit sicher drei Copyrights und bekomme bei einem Funken von Erfolg Klagen in Millionenhöhe. Babaluu…
Erst jetzt wird es mir bewusst. Es muss ein geläufiges Wort sein, denn der interne Duden markiert es mir nicht als Fehler. Aber in welchem Dorf fernab meiner geistig vorstellbaren Reichweite sagte man Babalu? Jetzt, nach dem ersten Kaffee, erlangte diese Reichweite immerhin schon die Strecke von Uetersen nach Tornesch. Dann sind es immerhin schon um die drei Kilometer. Genauere Schätzungen steigen mit zunehmendem Koffeinspiegel. Auf jeden Fall bin ich mir derzeit nur darüber sicher, dass dort noch mehr Orte um Tornesch existierten, welche auch nicht Babalu im Sprachschatz allmorgendlich einem zünftig genuscheltem „Moin Moin“ vorziehen würden.

Babalu! Es lässt mich nicht los. Natürlich könnte ich mich als Kulturbanause outen und jemanden nach Babbaluu fragen. Ja, ich denke, dass ließe sich machen. Aber was dann? Ein Raum voller Leute – Geplapper, geschäftiges Treiben, auf dem langen Wege bis zum Feierabend und dann diese Frage. Schweigen wäre die Folge. Eine Herde Bedauern ausdrückender Mitarbeiter, einen Blick aufsetzend, wie dem von einem Gewehrschuss hochgeschreckter Rehe, würde mich treffen. Und der Blick spräche Bände! Er weiß es nicht! Er weiß tatsächlich nicht, was Babalu heißt. Selbst die Radiosprecherin würde inne halten und für einen Moment betroffen mitschweigen, mich aus dem Radio heraus mit offenem Mund anstarren.

Panik ergreift mich. Der zweite Kaffee ist beinahe kalt, aber ich stürze ihn in mich, um meine Fassung wieder zu erlangen. Kalter Kaffee ist besser als keiner. Wieso kann man nicht aufwachen und an irgendein Wort denken, das einem zutraulicher ist? Ich meine so ein alltägliches Wort wie Fahrkartenkontrolleursgehilfe oder sowas, ein Konstrukt aus einfach aneinander gereihten Worten welche die Funktion des Wortes durch sich selbst erklärten. Die deutsche Sprache war darin doch eigentlich immer kreativ, es ausländischen Mitbürgern möglichst schwer zu machen. Nein, Babalu war sicherlich nicht deutsch.

In einem kleinen italienischen Ort Namens Gantonierreada, steht ein Haus. Das morgendliche Sonnenlicht hat den Kampf mit der Fensterjalousie gewonnen und erflutet sich in den Raum dahinter, klettert das eiserne Bettgestell empor, die Bettdecke entlang, nur um den auf dem Kissen liegenden Kopf zu blenden und den Tag anzukündigen. Der Körper reckt sich und gibt den Widerstand auf, sich der Sonne zu entziehen. Beine schwingen unter der Decke heraus und müde erhebt sich der Körper. Sich vergeblich nach der Decke streckend, gibt er schließlich auf und wandert verloren durch das Zimmer. Innerlich unwach schaut er auf den noch gefüllten Schlafplatz neben seinem eigenen und denkt „Gutnmogn“.

Er wankelt weiter bis in die Küche und siegt schließlich bei dem Versuch ein Frühstück aus Kornflakes und Milch zustande zu bringen. Währenddessen krauelt er sich immer wieder unter dem kratzigen Kinn und denkt über das Wort nach. Wo auf dieser verdammten Welt sagt irgendwer zu irgendwem „Gutnmogn“?

Der Gedanke verlässt den Raum, wandert durchs Zimmer, bis er den Weg zum Schlafraum gefunden hat. Er schaut noch kurz auf die Schlafende, ehe er durch das Fenster in den Garten flüchtet. Mit der Geschwindigkeit eines Hollywood-Kameraeffektes entfernt sich der Gedanke von dem Haus, aus dem Dorf, aus Italien, bis er schließlich in der dünnen Luft der Stratosphäre beinahe verglüht.

Als der Gedanke bar jeglichen Inhaltes zurück zur Erde plumpste, ergab sich ein Eindruck, als hätte man die letzte Szene einfach noch einmal rückwärts gezeigt. Allerdings wanderte er nicht zurück nach Gantonierreada, sondern zu seinem eigentlichen Ausgangspunkt, einem Großraumbüro in Tornesch. Er drehte sich eine zeitlang und suchte etwas. Schließlich fand er mich und ließ sich erschöpft fallen.

Inzwischen trinke ich den vierten Becher Kaffee und bin immer noch nicht schlauer, dafür wach.
Wach zu sein heißt, sich an viele Dinge erinnern zu können. Ich wusste wieder wie ich heiße, wie ich hierher gelangt bin und warum ich überhaupt hier war. Allerdings hieß wach zu sein nicht, sich an Dinge zu erinnern, die man auch vorher nicht wusste. Der Vorteil an der Füllung des Geistes mit altem Wissen war, daß jenes flüchtige Wort endlich sein Versprechen einlöste und verschwand. Ich fragte nicht mehr nach dem Woher, sondern akzeptierte mein Unwissen und vergaß es. Babb-irgendwas war fort, weggespült mit mehreren Bechern koffeinhaltigen Nasses.

Dinge in meinem Kopf mit herum zu tragen, die sonst niemand brauchen konnte, war ja schon ziemlich normal. Hätte ich mich an das Babb-Dingsbums erinnern können, hätte ich nun eine Geschichte anfangen können, aber da es von anderes Dingen einfach zur Seite gedrängt wurde, bis es keinen Platz mehr hatte und starb, musste ich diesmal auf das Niederschreiben einer Geschichte verzichten.

Ich besann mich auf den Tag und dachte an eine kleine Melodie, die ich leise und immer wieder vor mich hinsummte. Irgendwoher kannte ich die Melodie doch, oder…???

©2001 Kay Fiedler

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