Bartholomäus Baer

Arbeitstitel:

Bartholomäus Baer

Anmerkung: Rechtsschreibfehler inbegriffen, Daten und Namen unabgestimmt. Dies ist lediglich die Kladde für mich, mit der ich den roten Faden für meinen Roman erarbeite!!!

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bartholomeus Baer. Sie haben nie von mir gehört? Nun, das wundert mich kaum. Die Geschichtsschreibung hat mich und [Elaine] wunderbar umschifft. Ja, „umschifft“ trifft es gut. Man erzählt sich von Heroen wie Francis Drake, von schurkischen Piraten wie Blackbeard. Und die Geschichte, die geschrieben steht, ist logischerweise die Wahrheit, da sie gedruckt steht. Aber von mir, dem Freibeuter Baer, steht nichts in den Annalen der Zeit.

Dabei hätte ich meinen Platz in der Geschichte haben können. Aber ich erzähle mal lieber von Anfang an!

Meine Eltern waren unadelig, einfache Handwerker. Dennoch sparte mein Vater genug Geld zusammen, um mich an eine Militärakademie seiner königlichen Hoheit, dem Monarchen der Niederlande zu bringen.

Es wäre eine Lüge zu behaupten ich sei ein guter Rekrut gewesen. Meine Fecht- und Kampfkünste waren unterer Durchschnitt, mein Dienst an der Kanone und bei der Pferdepflege eben nur Pflicht. Aber wozu mehr riskieren? Für höhere Positionen waren die adligen Sprösslinge bestimmt.

Ich hatte stets vermutet, man würde mich und meinen Zimmergenossen und Freund Ugnet deshalb so schleifen, weil ich der verdammte germanische Ausländersprössling war. Nicht das die Niederländer und die Germanen im Krieg gelegen hätten, aber wir befanden uns, ebenso wie die Kronen von England, Portugal und natürlich Spanien und Frankreich in einer Art Wettrennen bei der Besiedelung des neuen Kontinents. Konflikte wurden im Allgemeinen durch die Oberhäupter wegkomplimentiert, oder durch kleine Händel und Geschenke legalisiert. Man war eher bereit eine Hochzeit zu arrangieren, als den Krieg auszurufen. Die Lage war stets gespannt, aber selten kritisch. Die Völker selbst bekamen davon nur wenig mit. Den kleinen Mann interessierte es auch kaum.

Jedenfalls kam Ugnet und mir diese offene Feindschaft bei unserer Ausbildung zugute. Wir wussten schließlich, dass wir nur einfache Soldaten waren, ohne besondere Befähigungen. Ugnet und ich saßen oft beieinander, behandelten unsere Blessuren, tranken gemeinsam und erzählten uns so ziemlich alles voneinander. Ja, so ziemlich „alles“, wie ich wenig später feststellen musste.

Denn eines Morgens kam eine Delegation Offiziere in unser Quartier und offerierte Ugnet, dass er seinen Vater im Dienst an der Krone verloren hätte. Ugnet als einzigem Sohn käme die Ehre zugute, fortan den Titel des Vaters tragen zu dürfen und in den Adelsstand aufgenommen zu werden.

Ab da änderte sich für uns alles. Die Ausbildung wurde noch härter. Mir wäre lieber gewesen, sie hätten mich weiter nur meiner deutschen Herkunft wegen nicht gemocht. Nun, schließlich sorgte Ugnet dafür, dass ich mit ihm zur Offiziersschule wechselte. Dadurch erhielt ich, trotz das ich nie Lesen und Schreiben erlernt hatte, Unterricht in Heraldik, Staatsführung, Strategie und Etikette. Nicht dass ich es mit dem Lesen nicht probiert hätte in der Zeit. Aber so sehr sich Ugnet dabei um mich bemühte, für mich ergab das Gekrizzel keinerlei Sinn. Trotzdem reichte ausreichendes Zuhören aus, um alle Prüfungen zu bestehen. Und so erlangte ich schließlich das Offizierspatent.

Durch den erlangten gesellschaftlichen Status, aber auch durch den guten Ugnet gelangten wir in immer höhere Kreise des Adels. Schließlich wurden wir auch auf die Empfänge ihrer Majestät geladen.

Bei einem solchen Empfang wurde an die Offiziere ausgeschrieben, es würde ein fähiger Mann gesucht, der seiner Majestät Vertretung in einer seiner Kolonien nahe von [Maracaibo] übernehmen wolle. Es hörte sich nach einem erfolgsversprechenden Dienst an. Die Verfügungen und Überlassungen der Krone ließen einen damals auch als Gouverneur leben wie ein König selbst. Also ließ ich mich aufstellen und wenig später stieß ich mit dem Gouverneursbrief im Gepäck in See. Ugnet sollte ich nach meinem Aufbruch nie wieder sehen.

Ich hatte ja keinerlei Ahnung von der Seefahrt. Nach wenigen Tagen ertrug ich das laufende Geschaukel und das Knarren der Planken nicht mehr. Die nahezu unendliche Fahrt versuchte ich mich mit den Seekarten vertraut zu machen. Zwar konnte ich die Beschriftungen nicht lesen, aber wenn mir einer der anwesenden Offiziere einmal einen Namen nannte, brannte sich dieser mitsamt der Karte in mein Gedächtnis ein. Was hätte ich auch sonst treiben sollen? Die Matrosen erzählten abends viele ihrer Geschichten von Riesenkraken, Walen und Unwettern von alten Göttern gesendet. Auch hörte ich hier das erste Mal bewusst von den Räubern zur See, Piraten genannt.

Sie mögen heute an Seefahrerromantik glauben, aber es hatte in meiner Zeit nur Gräuel zu bieten. Denn Schiffe, die durch Piraten aufgebracht wurden, wurden gekapert, oder versenkt. Ebenso erging es den Besatzungen. Fehlten den Piraten Leute, so wurden sie wie eine allgemeine Ware durch die gekaperten Mannschaften ersetzt und gefügig gemacht, durch Gold oder Schläge, je nach den erforderten Qualitäten. Alle, die nicht dieses zweifelhafte Glück hatten, gingen mit ihren Schiffen unter. Gefangene wurden nur gemacht, wenn sie als Ware etwas wert waren, für Lösegelder, bzw. Frauen für die Mannschaft.

So war ich sehr froh, als wir [Sierra Nikola] nach unendlichen Wochen endlich erreichten, ohne größere Zwischenfälle als einige Unwetter und einiger kranker Matrosen zu erleben.

Ich übergab die Papiere und wurde unverzüglich in meine neue Pflichten als Gouverneur eingeführt. Bei allen Annehmlichkeiten war man doch mehr Majonette des Königs, als selbst handelnder Herr seiner Willens, wie ich alsbald feststellen musste. Aber die Bediensteten halfen mir, so gut es eben ging.

[Sierra Nikola] war ein kleiner Ort, den Sie heute auf keiner Karte mehr finden werden. Er wurde [1618] durch die ehrwürdige englische Marine aus der Hand der Franzosen befreit, indem man den Ort in Schutt und Asche legte.

Ja, aus der Hand der Franzosen befreit, nicht aus holländischer. Ich sollte das Amt kaum drei Jahre innehaben. In dieser Zeit versuchte ich die Verhältnisse der Bürger von [Sierra Nikola] so gut es ging zu verbessern. Nach nur zwei Jahren hatte ich das Vertrauen der Siedler erreicht. Der spanische Gouverneur Senor Miguel, der bis zu meiner Ankunft die Geschäfte führte, hegte keinerlei Groll gegen mich und wurde im Laufe der Zeit sogar mein Freund. Für ihn war es völlig normal, erklärte er mir in seiner dünnsten Mischung aus englisch und deutsch, dass diese Kolonien für Europa auch nur eine Tauschware darstellten. Das hörte sich nicht nach einer Lebensstellung für mich an, und so kam es schließlich auch in jenem erwähnten dritten Jahr.

Ein französisches Schiff legte im Hafen an und da es ein königliches Wappen führte, kam ich meiner Pflicht nach die französischen Gesandten zu begrüßen. Ich bekam ein Schreiben mit dem Siegel der niederländischen Krone überreicht. Miguel las mir das Schreiben vor, nicht ohne Schwierigkeiten, schließlich verstand er kein niederländisch. In anderen Situationen hätte ich über seine falsche Aussprache gelächelt, aber der Inhalt ließ mir das Blut gefrieren. Das Edikt enthob mich meines Amtes und erforderte die Übergabe an die Franzosen. In dem Schreiben stand aber auch nichts von einer Rückkehr in die Niederlande, kein Wort über meine Zukunft. Ich wollte nicht einfach hier bleiben und wie Senor Miguel als Handlanger dem neuen Gouverneur dienen.

Was dann geschah, verstehe ich bis heute nicht. Ich wollte mich dem Befehl meiner Majestät fügen. Ehrlich! Ich muss mich zu laut über den Befehl geärgert haben, irgendetwas, dass den Unmut der Franzosen erweckte. Ich verstand kein Wort, merkte nur die totale Agression in den Stimmen. Oder klingen Franzosen immer so?

Ehe ich mich versah wurde ich in Gewahrsam genommen. Senor Miguel versuchte die Bürger zu beruhigen, aber noch bevor irgendeiner von uns beiden etwas hätte tun können, flog der erste Stein aus der Menge der Bürger einem französischen Soldaten mitten ins Gesicht. Was folgte, waren Gewehrsalven in die Menge, Schreie und totales Gemenge. Ich bekam den Rest nicht mehr mit, denn die Wachen brachten mich in den Kerker.

Die Stimmung schien sich schnell zu legen, denn nach nur wenigen Minuten wurde es vor den Mauern ruhiger. Es wurden keine weiteren Salven abgefeuert und das Volk schien sich beruhigt zu haben.

Ich konnte wirklich froh sein, dass mein Amtsantritt gesitteter ablief. Einmal mehr bewunderte ich Miguel dafür, dass er sein Los damals so einfach hinnahm.

Ich saß einige Tage in dem Loch, ohne dass man sich sonderlich für mich interessierte. Zum Glück dachte der Kerkermeister an mich und vergaß meine Versorgung nicht. Die Küche ließ mir die besten Speisen zukommen. Dann erzählte mir der Kerkermeister, dass ich in der Nacht besser nicht auf der Pritsche schlafen sollte. Mein spanisch war trotz der drei Jahre immer noch nicht perfekt genug, um heraus zu bekommen, wieso ich das nicht sollte.

Sie würden sagen, das hätte doch klar sein müssen. Aber gemäß Erziehung und Ausbildung war für mich nur eine politische königliche Lösung meiner Gefangenschaft denkbar. An Gewalt hätte ich nie gedacht.

Auf jeden Fall wurde ich von meinem neuen Boden-Nachtlager mit lautem Kanonendonner geweckt. Die Mauer stürzte ein Stück weit ein und Miguel erschien durch den Rauch mit einigen der Bürger.

Ohne zu wissen, was hier gerade passierte, folgte ich Miguel durch die dunklen Strassen von [Sierra Nikola]. Als wir im Hafen ankamen, lag dort noch das Schiff der Franzosen. Die vorderen Wachen lagen bereits am Boden, als wir ankamen. Miguel warf mir einen Degen zu, als wir mit den anderen an Bord stürmten. Ich wusste zwar nicht im Detail was vorging, hatte auch nicht die Zeit darüber nachzudenken. Aber ich wusste, dass jeder Franzose an Bord verhindern würde, dass ich mir im Nachhinein noch Klarheit über die Lage verschaffen könnte. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei und einige der Bürger rannten von Bord, um mit Teilen ihrer Familien zurück zu kehren.

Das Schiff wurde in Windeseile klargemacht. Soweit ich das mitbekam, war zum damaligen Zeitpunkt kaum einer von uns richtiger Seemann. Aber die Handvoll Fischer gaben ihre spanischen Anweisungen und wir versuchten uns ihnen zu fügen. Sowohl Miguel, als auch ich merkten jedoch schnell, dass alle Bürger, ebenso wie die Fischer immer erst zu uns schauten, ehe sie Weisungen gaben oder ausführten. Es war, als wären sie auf unsere Zustimmung angewiesen.

Die Salven von Land aus erwischten einige von uns. Miguel und ich kümmerten uns schnell um die Verletzen. Wir segelten sicher eine Stunde lang bis die Fischer an einer kleinen Bucht anlegten.

Wir gingen von Bord und endlich kehrte etwas Ruhe ein. Die Bürger schichteten Holz aus dem Wald auf und wir versuchten zusammenzutragen, wer bei uns war und was überhaupt die letzten Tage passiert war.

Die Franzosen gingen in den letzten Tagen vor, als seien sie Plünderer. Alle Häuser wurden nach Wertgegenständen durchsucht. Die Fischer wurden dazu gezwungen ihre Fänge vorzuzeigen und reife Früchte der Bauern wurden ebenfalls direkt mitgenommen. Der Unmut der Spanier war groß und Miguel versuchte sie zu beruhigen. Aber der Zorn wuchs, als man die toten Bürger offiziell zu Rebellen gegen die französische Krone deklarierte und ihre toten Körper auf dem Stadtplatz aufstellte.

Bei meiner Befreiung und der Flucht haben wir zum Glück nur wenige Bürger verloren. Keine Familie war ohne ein Elternteil zurück geblieben. Jeder hatte mindestens noch einen Angehörigen. Dennoch war jeder Tote ein völlig sinnloser Verlust. Was war bloß in diese Franzosen gefahren?

Am Morgen erkundete ich die Bucht ein wenig. Eigentlich lag sie ideal. Der Wald gab uns Holz für Hütten, die Bucht war gerade breit genug für unsere Brick und die Fischer erzählten, dass die Bucht von außen kaum zu sehen war, so dass die Bucht komplett von den Felsen umschlossen schien.

Wir beratschlagten trotzdem, wie wir weiter vorgehen sollten.

Eine Überfahrt nach Europa, um seine holländische Majestät um Erklärung zu bitten? Unwahrscheinlich, vorgelassen zu werden. Zudem waren wir nur sein Eigentum.

Das Schiff versenken und so zu tun, als lebe man schon immer hier? Aber wie sollte man ausreichend Nahrung heranschaffen? Saatgut für Gemüse, Stoffe für Kleidung, Werkzeuge?
Handel, aber mit was? Mit dem Holz hier? Das bräuchten wir selbst.

Wir hatten nur das, was wir am Leibe trugen, diverse Verletzte, nur die provisorischen Waffen und einige Werkzeuge vom Schiff. In der Kammer des Schiffes fanden wir noch einige Musketen, Dolche und Rapiere.

Als wir über unsere Zukunft abstimmten, entschloss die Mehrheit, das Schiff zu behalten und Miguel und mir das Kommando weiterhin zu lassen. Wir hatten das Kommando? Dessen war ich mir nicht bewusst in den vergangenen Tagen und auch nicht in den letzten Stunden nach meiner Befreiung. Sie nannten mich weiterhin Gouverneur Baer, aber das konnte so nicht bleiben. Ich stellte mich den Bürgern mit meinem Vornamen vor.

Die Dinge entwickelten sich die kommenden Tage fast von selbst. Es entstanden kleine Rohbauten von einfachen Hütten. Die Fischer organisierten sich für den gemeinsamen Fischfang im Schutze der Bucht und auch die zersprengten Familien versuchten sich sichtlich zu integrieren. Es war bestimmt nicht einfach für sie.

Leider war die Bucht kein sonderlich guter Ort für den Fischfang und wir hatten kaum Möglichkeiten für die Wildjagd. Schließlich einigten wir uns darauf, die zu „Freiheit“ umbenannte Brick zu nutzen. Man überließ es mir einen Namen zu finden und ich wollte etwas Deutsches, für die anderen neutralen Namen finden. Und schließlich und endlich waren wir ja frei, wenngleich vogelfrei in den Augen unserer lieben Franzosen.

Und da lag auch unser eigentliches Problem. Sie durften uns beim Fischfang nicht entdecken. Zum anderen waren noch viele Familien in der Stadt verblieben, die Anverwandte in unseren Reihen hatten. Wie mag es ihnen seit unserer Flucht ergangen sein? Mit einem mulmigen Gefühl setzten wir das erste Mal unsere Segel und steuerten die See an.

Hätte man mir damals bereits unterstellt Pirat zu sein, ich hätte laut losgelacht. Die Franzmänner hatten uns ausgeplündert, meine Stadt überfallen und das ganze mit Genehmigung der Niederländer. War den Niederländern so wenig an [Sierra Nikola] gelegen, nur weil es eine von Spaniern bewohnte Stadt am Rande der Wüste war?

Unsere Fischzüge liefen von Bord wesentlich erfolgreicher, als in der Bucht. Dennoch war die Gefahr einer Entdeckung extrem groß, zudem wir ja nur wenige Meilen von [Sierra Nikola] fort waren.

Wochenlang ging es gut und unser Dorf ohne Namen wuchs allmählich. Die Frauen und Jugendlichen spezialisierten sich wieder auf ihre einzelnen Berufe. Die meisten Männer jedoch, folgten Miguel und mir auf die Freiheit, um sie im Falle der Entdeckung schnell aus der Sichtweite zu bringen.

Ich studierte die Gewässer durch die die Freiheit gleitete aufmerksam, merkte mir Unebenheiten und Untiefen, von denen die Fischer mir erzählten. Sie brachten mir auch bei, auf welche Anzeichen man achten musste, Grundregeln der Navigation und der Kunst vom Steuern der Freiheit.

Und dann, weitere Wochen später, passierte es! Wir entdeckten ein Segel am Horizont und versuchten die müde Freiheit aus vollen Segeln heraus zu wenden. Dennoch waren die anderen schneller. Sie schienen uns schon längst gesehen zu haben und die Verfolgung aufzunehmen. Es war die englische Flagge gehisst und die Entfernung eindeutig zu gering, da man dies schon erkennen konnte. Wir konnten die Freiheit unmöglich in die Bucht einfahren, also fuhren wir daran vorbei, ohne uns auffällig zu verhalten. Aber es hatte einfach keinen Sinn.

Noch wenige Minuten und wir wären in Reichweite ihrer Kanonen gewesen. Kanonen? Ja richtig, wir hatten ja auch welche. Aber niemand von uns war auf diese Situation vorbereitet. Außer mir hatte sicher noch niemand eine Kanone geladen und ausgerichtet. Sollten wir dies hier überleben muss ich mir vielleicht Gedanken über ein wenig Training machen. Kaum war der Gedanke gesackt, da öffneten sich auch schon die Schießscharten der Engländer und die Kanonenmündungen rückten raus!

Schließlich gab ich meinen ersten entscheidenden Schiffsbefehl, als ich zum einholen der Segel aufrief. Ich zog mir mein Hemd aus und winkte den Engländern zu.

Sie drehten bei, ohne ihre Vorsicht fallen zu lassen. Zum Glück war mein englisch besser als mein französisch. Eine Planke wurde ausgelegt und Bewaffnete behüteten ihr Deck. Dann kamen einige der Engländer an Bord. Unter ihnen auch ihr Kapitän.

Natürlich fragte er nach dem Grund unserer offensichtlichen Flucht. Als ich mich als Kapitän der Freiheit zu erkennen gab, fragte er mich nach den Details. Ich wusste nicht, ob es klug war, aber ich erzählte ihm eine etwas andere Version der wahren Geschichte. Die Franzosen fielen in Sierra Nikola ein, plünderten es und sperrten mich, den Gouverneur Baer ein. Dann in Folge die Sache mit der Flucht und unser unsäglichen Misere der Versorgung.

Der Engländer musterte mich lange, schien zu überlegen und ließ sich sein Logbuch bringen. Er prüfte lange seine Aufzeichnungen und fand schließlich eine Eintragung zu [Sierra Nikola], dass seiner Information nach spanisch sei. Miguel lächelte sanft und zog ein Bündel Papiere aus seinem Hemd. Es war seine, als auch meine Amtspapiere. Lord Southlake machte eine neue Notiz in sein Logbuch, und fragte, ob wir den Akt der französischen Marine als militärisch ansehen würden. Lord Southlake erklärte, dass England einen Kontrakt mit der holländischen Krone unterhalten würde und uns seine Unterstützung sicher sei, bei der Rückgewinnung der Stadt.

Oh, ja! Ein kurzer Blickwechsel mit Miguel und den nahe stehenden Bürgern genügte. Wir sahen es als kriegerischen Akt. Und wie!

Lord Southlake gab seinem Adjutanten einige knappe Befehle zur Weiterreise in den Hafen von [Sierra Nikola]. Wir sollten uns im Hintergrund halten und nur gegebenenfalls als Unterstützung eingreifen.

Wir alle schöpften neuen Mut, obgleich wir natürlich gelogen hatten. Aber sollten wir auf die Hilfe der Engländer verzichten? Die Alternative war zumindest mir bewusst, aber wollte dieses Wissen zu dem Zeitpunkt mit niemandem teilen. Schließlich war die Englische Galeone ein Kriegsschiff voller Soldaten und geladenen Kanonen und wir nicht einmal zwanzig Mann, darunter Handwerker, Fischer und junge Männer ohne jegliche Kampferfahrung. Was blieb uns, als unseren Kopf teuer zu verkaufen und vielleicht sogar die Stadt zurück zu gewinnen?

Kapitän Southlake ließ sich von seinem Sekretär Papier und Siegel geben. Er schrieb eine Weile und überreichte mir ein Papier, dass unseren Einsatz für die englische Krone legitimierte. Alle bei dem Einsatz erworbenen materiellen Güter gehörten bis auf ein Zehntel dem englischen König. Mir wurde mulmig, da ich nicht abschätzen konnte, worauf dieses Schreiben hinauslief. Was hatte Southlake vor?

Lord Southlake ließ zu unserer Sicherheit ein dutzend Männer auf unserer Freiheit, bevor wir der Galeone in einigem Abstand folgten. Ich verließ das Deck und gab Miguel ein Zeichen mir zu folgen. Wir berieten uns. So waren wir uns einig, dass wir nach wie vor verloren hatten. Wenn die Engländer in dem Hafen von [Sierra Nikola] anlegten, um trotz des Krieges die Situation mit den Franzosen zu klären, oder nach einer gewaltsamen Einnahme von [Sierra Nikola] einen Gefangenen nach der Legitimation der Franzosen fragen, so wäre unser Kopf erneut in Schwierigkeiten. Aber was hätten wir sonst tun sollen? Also würden wir solange gute Miene zum bösen Spiel machen, bis wir Gefahr liefen als Rebellen und nunmehr Stadträuber enttarnt zu werden.

Doch unsere Furcht, die Engländer könnten sich mit den Franzmännern verständigen, war üblerweise nicht gegeben. Die „Admiral Caradine“ lief ruhig in den Hafen ein. Die verbliebenen Soldaten auf der Freiheit halfen uns, die Brick in sicherem Abstand zu halten und schließlich ebenfalls zu ankern.

Im Hafen wurde es alsbald hektischer. Die Franzosen schienen weder mit ihrem alten Schiff, noch mit den Engländern und ihrer Kriegsgaleone gerechnet zu haben. Einige Soldaten gingen im Hafen in Position. Aber ansonsten blieb es verhältnismäßig ruhig. Es war sogar wie die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm.

Die englischen Soldaten bei uns an Bord verständigten sich über Fahnen mit der Galeone. Verdammt! Ich hatte von dieser Wimpelsprache soviel Ahnung, wie von französisch. Ebenso gut hätten sie große Tafeln mit Schrift hochhalten können. Es schmeckte mir nicht, dass ich unwissend zusehen musste.

Zudem wurde mir meine strategische Ausbildung bewusst. Sie war ausgelegt auf militärische Manöver zu Land, noch dazu gegen einen Feind, den man kannte. Man wusste an Land immer, wer der Feind ist, aber auf dem neuen Kontinent hatten Informationen seltsame Wege. Nur deshalb wusste Southlake nichts von der legitimen Übernahme der Franzosen, aber auch wir nichts von dem Bündnis zwischen den Niederlanden und England. Anscheinend wussten es aber die Franzosen.

Hier in Neuindien, will sagen Amerika, brauchten Informationen vom alten Kontinent Monate, um verbreitet zu werden. Vieles bestand nur aus rumgereichten Gerüchten. Und gäbe es die Seefahrt nicht, mit ihren Kapitänen und Logbüchern – man wüsste noch weniger. Auf solche Strategien hatte man mich nicht hingewiesen. Was soll heißen Strategie? Mir war noch nicht klar, dass das die eigentliche Wertstellung in unserer Situation sein sollte und unser Schatz im Nächsten.

Von Land aus versuchte sich ein Franzmann ebenfalls im Wimpelschwingen. Abermals verdammt! Doch einer der englischen Soldaten an Bord fing an zu lachen, als er es sah. Die Franzosen forderten ihr Schiff zurück. Wir lachten höflich mit, nicht ohne den Wimpelschwinger außer Acht zu lassen, ebenso wie unsere englischen Soldaten.

Dann passierte es! Die Kanonenlucken der „Admiral Caradine“ öffneten sich, die Kanonen schoben vor und ohne ein weiteres Abwarten hörten wir alle den Befehl von Lord Southlake bis zu uns herüberhallen.

Wir waren wie versteinert, als die erste Salve in die Mauern der Stadthäuser verschwand. Da waren einfache Bürger, friedliche spanische Bürger, die unter dem Joch der Franzosen gebunden waren. In Gedanken sah ich diese Menschen vor mir, wie sie in Panik aus ihren Häusern flüchteten, ihnen Splitter um die Ohren flogen, verletzt wurden.

Wut kam in mir auf, wieso war mir das Vorgehen der Engländer eigentlich nicht klar? Ich hätte es wissen müssen! Sie halfen uns, unsere Stadt wieder zu erlangen, aber zu welchem Preis?

Miguel stieß als erster einen Aufschrei aus, hatte Tränen in den Augen und den Namen seiner Frau auf den Lippen, die er dort in [Sierra Nikola] wähnte.

Ich atmete noch einmal tief durch, schloss die Augen und fasste das Manubrium meines Degens. Unser Wimpelschwinger gönnte sich gerade eine Auszeit, um das grausige Schauspiel mit seinen Kollegen zu genießen. Er sollte der erste sein, dessen Spaß hier enden sollte. Ich öffnete die Augen und hatte meinen Degen bereits in der Hand.

Noch ehe ich den anderen Bürgern mitteilen konnte, was vor sich ging, befanden wir uns im Gefecht. Wir waren kaum mehr Männer als Engländer, aber uns trieb die pure Wut. Wut ist nicht grundsätzlich ein Garant für besseren Kampfstil, zudem den Bürgern Erfahrung fehlte. Dennoch wendete sich das Blatt zu unseren Gunsten. Ehe ich mich versah, hatte ich die Engländer so geschickt angegriffen, dass bereits vier von ihnen verletzt oder tot um mich lagen, während ich mit einem fünften kämpfte. Miguel schien ebenfalls Dienst an der Waffe genommen zu haben. Jedenfalls sah das Schlachtfeld um ihn herum ebenfalls beachtlich aus. So musste die restliche Mannschaft vereint nur noch zwei Soldaten im Schach halten, welche schließlich ihre Waffen niederlegten.

Erneut hörten wir eine Salve auf die Stadt einschlagen. Was sollten wir nur machen? Ich stürmte unter Deck und rief, alle freien Hände sollten mir folgen. Unten zeigte ich den Bürgern eine Kanone. Es blieb nicht viel Zeit auf Einzelheiten einzugehen. Ich demonstrierte kurz das Nötigste, die Folgen des Rückschlages, die Vorsicht beim Laden, ebenso wie das Zünden. Sie sollten so viele Kanonen wie möglich feuerbereit machen, auch jene die sie im Moment nicht besetzen könnten. Ich würde ihnen den Augenblick des Zündbefehls mitteilen lassen und verschwand wieder nach oben. Es war ein wenig Verantwortungslos, aber ich musste mich um das Schiff kümmern. Als ich oben ankam, hatte Miguel anscheinend schon begriffen, was ich vorhatte. Nur das kleine Vorsegel war gesetzt und die Freiheit drehte sich langsam um den Anker. Wieder flogen mit lautem Gedonner schwere Eisenkugeln durch die Luft und rissen Löcher in Häuserwände. Zwischen den Trümmern liefen Menschen herum, nicht wissend wohin sie sich in Sicherheit bringen sollten. Von der Stadt waren schon jetzt nur noch Fragmente zu erkennen. Die Franzosen schossen aus vollen Musketen heraus, konnten aber weder uns, noch die Engländer sichtlich treffen. Wir hatten in [Sierra Nikola] keinerlei Seeverteidigung. Die Stadt war auf Angriffe von außen nicht vorbereitet, lediglich gegen das Land, gegen Raubtiere und die Ureinwohner schützte der große Palisadenzaun rings um die Stadt. Der Hafen lag vollkommen offen.

Lord Southlake und seine Mannschaft schienen mit keinem Auge auf uns zu haften. Auf jeden Fall drang der Ruf ans Oberdeck, dass unsere Kanonen bereit wären, eben bevor wir in günstige Schussposition kamen.

Unsere Chance war klein, fast unmöglich. Wir mussten die Admiral mit wenigen Schüssen so massiv beschädigen, dass sie nicht manövrierfähig wäre und unseren Kanonen ausgeliefert war. Ich lief unter Bord und brachte unter körperlicher Mithilfe die erste Kanone in Stellung. Schließlich brannte die Lunte und alle Anwesenden wussten, jetzt gab es kein zurück mehr.

Der Donner unter Deck war Ohren betäubend. Die Kanone hob ein Stück von den Dielen ab, als sie gut einen halben Meter zurückschlug. Sie war mit Halteseilen zwar ausreichend gesichert, aber der Rauch machte es unmöglich sofort die Situation zu beurteilen. Man konnte nicht durch die Luke schauen. Mehr fühlend als sehend half ich beim Ausrichten der zweiten Kanone, bis sich der Schmauch lichtete. Als ich zum Ziel sah, erkannte ich zumindest die Panik, die mein Schuss verursacht hatte. Getroffen hatte ich offensichtlich nicht. Wäre nicht das Pfeifen in den Ohren, hätte ich vielleicht hören können, was Lord Southlake anordnete. Aber so konzentrierte ich mich ein wenig mehr auf die Lehrsituation beim Ausrichten. Die Lunte glimmte und sandte einen neuerlichen Gruß an die Admiral. Ohne abwarten tastete ich mich zur nächsten Kanone, als in Höhe der ersten Kanone eine Kugel einschlug und die Wand mit sich riss. Verdammt! Die freie Deckskanone der Admiral! Sie konnten zwar nicht so schnell wenden, aber für die kleine Kanone hatten sie ausreichend Zeit.

Schon schickte ich die nächste Kugel auf ihre Reise und war froh, dass die Admiralskugel nur Holz erwischt hatte. Als sich der Dunst erneut verzog, meinte ich von außen Klettergeräusche zu vernehmen.

Vom Oberdeck hörte ich bereits zwei Bürger nach uns rufen. Bürger… Waren wir das noch? Es blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn das Mischen von Degenklirren in das allgemeine Pfeiffen und Kanonendonner. Ich erklärte knapp so fortzufahren, wie ich es erklärt hatte und lief nach meinen Degen tastend zurück ans Oberdeck.

Ich hätte nie für möglich gehalten, wie gut meine Fechtausbildung gewesen sein muss. Auf jeden Fall kam der erwartete Widerstand der Engländer kaum an meine Erwartung heran, oder konnten die Engländer in ihrer durchtrieften Kleidung nicht kämpfen? Im Wasser schwammen noch unüberschaubare Mengen an Soldaten in ihrer Unterwäsche besäbelt zur Freiheit herüber. Gerade als ich einen Blick zur Admiral erhaschen wollte, schoss eine weitere Salve auf die Stadt ein, als ein Kanonenschuß der Freiheit eine Kugel in einem finalen Bogen in das untere Heck der Admiral schlug.

Der Schaden an der Admiral sah minimal aus. Dennoch sah ich nach weiteren Degenattacken aus dem Augenwinkel heraus, dass die Admiral zusehend schwerer im Wasser lag und anscheinend nicht für eine Breitseite auf uns wendete.

Einer der Engländer schien seinen Säbel nicht nur zum Strammstehen zu benutzen und bot mir wenigstens einen gewissen Widerstand. Ich fühlte fast so etwas, wie Befriedigung, als ich tiefer in meine Trickkiste greifen musste.

Wir fingen tatsächlich an, Nettigkeiten auszutauschen, uns einander vorzustellen und so etwas wie kämpferische Höflichkeit walten zu lassen. Als ich Reginald meine Degenspitze an den Hals setzte, war meine letzte Frage nach Leben oder Tod. Reginald ließ seinen Säbel fallen.

Wir wurden von einem unglaublichen Kanonendonner aus dem Bauch der Freiheit aus unserem Zweikampf gerissen.

Dammit! Wer? Wie? Eine komplette Ladungssalve regnete über die Admiral herein und der Himmel stehe unseren Feinden bei, jede Kugel schien wohl überlegt ausgerichtet gewesen zu sein! Reginald machte keine Anstalten seinen Säbel wieder aufzuheben, als ich einen Blick ins Unterdeck werfen wollte.

Reginald erhob seine Hände und rief seine Waffenkameraden auf, ebenfalls die Säbel zu strecken. Die Engländer folgten dem Ruf, während die Admiral Caradine im Hafen versank.

Der junge Bäckerssohn Sergio kam mir aus dem Unterdeck entgegen. Er war so voller Euphorie, dass ich ihn vorerst bremsen musste. Ja, er hat begriffen, wie man eine Kanone ausrichtete, aber wie um alles in der Welt konnte er alle … ich meine gleichzeitig ausrichten?

Er meinte, er hätte es vorausberechnen können, ein Gefühl hätte ihn dabei geleitet und die anderen hätten mit angefasst und auf seinen Befehl hin alles entzündet.

Mit einer Mischung aus Sieg, Verlust und Ohnmacht sahen wir uns das Ende der Admiral an. Viele Engländer schwammen so schnell sie konnten zur Stadt, wo sie von den Gewehren der Franzosen und restlichen Bürgern empfangen wurden.

War das also der Geschmack eines Sieges? Eine zerstörte Stadt, eine versenkte Galeone und unzählige Verluste auf allen drei Seiten? Als sich die See mit einem letzten Gurgeln der Admiral annahm, schwand mein Stolz über meinen Sieg gegen Reginald.

Die Engländer, die klugerweise zu uns schwammen, wurden von uns in Empfang genommen und lediglich entwaffnet. Reginald erklärte, dass er als Offizier in Stellvertretung seines Kapitäns Lord Southlake mir seinen Säbel offiziell übergebe.

Als Miguel eines der Beiboote zu Wasser ließ, war mir, als würde ich meinen Freund vielleicht nie wieder sehen. Dennoch verzichteten wir auf lange Abschiedsfloskeln, als er zusammen mit zwei anderen Bürgern zum Festland ruderte.

Im Hafen regte sich kaum etwas. Vereinzelte Kampfhandlungen, Engländer die trotz Gewehrsalven an Land kamen, kämpften einen verlorenen Kampf, bis sie es einsahen oder umfielen.

Ich beobachtete das Ruderboot lange, als es im Hafen ankam. Aber niemand schien es auf Miguel abgesehen zu haben. Er verließ das Boot und verschwand aus meinem Blickfeld in den rauchenden Resten von [Sierra Nikola].

Der Gouverneurssitz war nicht mehr vorhanden. Als ich mich letztlich entschied ebenfalls an Land zu gehen, kam der Ruf des Ausgucks. Das Ruderboot kehrte zurück.

Miguels Boot war fast überladen mit Leuten aus der Stadt, aber auch zwei Franzosen. Miguel übersetzte die absolute Kapitulation der verbliebenen Franzosen. Miguel speite die Worte geradezu aus, während er seine Frau im Auge behielt. Er hatte sie also gefunden und sie war am Leben. Allerdings war ihr linker Fuß schwer verletzt.

Als wir uns immer sicherer wurden, tatsächlich so was wie einen Sieg errungen zu haben, den alle akzeptierten, kehrte ein wenig Ruhe ein. Miguel bangte um das Leben seiner Frau. Er hatte sich die Wunde bereits angesehen, hatte aber so etwas noch nie zuvor behandeln müssen.

Wir brachten Miguels Frau Conzuela in die Kapitänskajüte. Als ich mir das zertrümmerte Bein ansah, konnte ich Miguel keinen Mut zusprechen. Reginald der Engländer bat vorgelassen zu werden.

Ich war mindestens so misstrauisch wie Miguel in jenem Moment. Aber Reginald, bzw. Doktor Reginald Farthworth, wie er mit vollem Namen hieß, versicherte alles ihm Mögliche für Conzuela zu tun, ihr Leben zu retten.

Reginald schaute sich das Bein an und bat schließlich nach einer Säge. Ich hielt Miguel davon ab, auf den Doc loszugehen, bis Conzuela schließlich in Schmerzen ebenfalls nach der verdammten Säge rief.

Ich drängte Miguel aus dem Raum heraus und ließ dem Doc und Conzuela die Säge und einiges an Rum zukommen. Ich versuchte Miguel ebenfalls mit etwas Rum zu beruhigen, als wimmernde stumme Schreie und ein sägendes Geräusch Miguel wieder an die Tür stürmen ließen.

Noch einmal schaffte ich es, Miguel zu halten. Als Reginald wenig später aus der Tür kam, blutverschmiert aber beruhigend lächelnd, musste ich Miguel erneut fest in den Griff nehmen.

Vielleicht ist dies ein guter Moment, um in die näheren Umstände einzusteigen, die Charaktere, die mit mir reisten und an dem Erfolg des Piraten… Nein, des Freibeuters Bartholomeus Baer teil hatten. Und schließlich fand ich nur wenig später auf dem Höhepunkt meiner Verbrecherlaufbahn mein jähes Ende.

Jenes Ende, welches für mich das Abenteuer meines Lebens erst beginnen lassen sollte. Aber dazu kommen wir, wenn es soweit ist.

Miguels Frau erholte sich zusehends. Der Schreiner schuf ihr ein Holzbein, mit dem sie täglich das Laufen neu üben musste. Miguel war zu der Zeit nicht mehr viel für die Freiheit da und arbeite mehr in unserem kleinen Dorf, außerhalb von den Trümmern der Stadt. Nur gelegentlich holten wir Dinge aus den Trümmern. Die Überlebenden schienen ihr Los mehr und mehr hinzunehmen und zu vergessen, ob sie Besatzer, Bürger oder Befreier waren. Sie waren zu wenige für einen Aufstand gegeneinander und wir letztlich in der Überzahl. Aber was waren wir? Spanier? Und ich? Wer war ich? Sicher kein Spanier! Ich war Deutscher, der im Auftrag der Holländer eine Stadt in Besitz nahm, sie in Konflikt mit den Franzosen brachte, um sie mit den Engländern wieder zu befreien, die man letztlich ebenso von der Liste der Verbündeten streichen musste.

Unsere Mannschaft war ein zusammen gewürfelter Haufen aus Resten von Spaniern, Franzosen und Engländern. Wir waren alle Gestrandete in einem nicht gewollten Krieg. Aber wie sollte es weitergehen?

Reginald war der erste, dem eine Antwort auf diese Frage einfiel. Ich hätte einen Freibeuterbrief seiner Majestät, also sei ich vor ihm der ranghöchste Offizier, zumal Kapitän der Freiheit und er könnte das Dorf ausbauen. Vielleicht gäbe es auf dem Grund der Admiral Caradine noch brauchbare Dinge zu bergen, um die Bucht besser zu schützen.

Bin ich also jetzt ein Engländer fragte ich ihn, aber lachte verlegen, als er sagte, ich sei überhaupt keinem König mehr untergeben. Ich schaute mir den Freibrief noch einmal genau an, stellte dann aber fest, dass Reginald recht hatte.

Wir waren vogelfrei. Denn kein Königreich der alten Welt hätte Anspruch auf die Trümmer von [Sierra Nikola] erheben können, ohne uns dafür zur Rechenschaft ziehen zu müssen.

Dafür blieb unser Grundproblem. Wie sollten wir eine solche Menge an Mäulern satt bekommen? Ich konnte mich mit dem Gedanken immer noch schwer anfreunden, aber auch unter den Bürgern wurde der Ruf immer lauter, wir wären jetzt Piraten.

Auch als Tage später, eine der Dörflerinnen mir zusammen mit einigen Bürgern, feierlich ein Paket überreichten, in der ich eine Schwarze Flagge mit zwei gekreuzten Säbeln und einem waagerechten Degen vorfand, war ich nicht davon überzeugt.

Sicher! Miguel kümmerte sich um die Geschicke im Dorf. Wir hatten als Verstärkung unserer Mannschaft richtige ehemalige Soldaten an Bord, einen Arzt, ein Kanonengenie und im Grunde nichts zu verlieren.

Als wir unsere erste Kaperfahrt begingen, war es als hätte ich eine vollkommen trockene Kehle. Vor allen Dingen hielt ich nichts von dieser englischen Unsitte anderen Schiffen auf Längen hinweg zu zeigen, dass wir Vogelfreie waren. Wir hatten Flaggen von drei Königreichen im Gepäck. So konnten wir uns wenigstens bis auf Schussweite tarnen. Mit den Ausrüstungen konnten wir es oft sogar bis an Bord schaffen, ohne aufzufallen.

Unsere erste Prise war das Handelsschiff eines Holländers. Es war kaum in der Lage Widerstand zu leisten. Ich konnte jedoch keinen Befehl zum Versenken geben. Wir waren weit genug weg von unserm Dorf und der Holländer hätte noch Wochen bis zum nächsten Hafen gebraucht. Wir nahmen einige Freiwillige auf und ließen ausreichend Nahrung an Bord, um den Holländer überleben zu lassen.

Auch nachfolgend war ich stets ein Gegner davon, Schiffe zu versenken und unnötig Blut zu vergießen. Sofern ich unser Dorf außer Gefahr sah, wollte ich immer eher gnädig sein.

Oft tauschten wir bei Annährung mit anderen Schiffen sogar nur Informationen aus, über die Politik des alten Kontinents, über aktuelle Kriege, über Bündnisse und allgemeine Meldungen. Ebenso konnten wir Beute gegen Waren eintauschen, so dass uns die Geschmeide unserer Besiegten wirklich nützten. Wir hatten bewusst keinen Schiffsnamen mehr am Bug der Freiheit.

Später nutzten wir sogar die zerstörten Trümmer von [Sierra Nikola] als Köder für anfahrende Schiffe. Die gesunkene Admiral lieferte uns da hervorragende Dienste, bis schließlich zu viele Schiffe auf Grund lagen.

Wir verstärkten die Verteidigungslinie der Trümmerstadt mit einigen Kanonen und ließen bald einen Trupp dort zurück, die die Wracks weiter ausschlachten und zerlegen sollten, damit man sie von See aus nicht mehr sehen konnte. [Sierra Nikola] wurde eine Mausefalle ohne Speck.

Unsere Mannschaft wurde durch unser Treiben immer mehr, statt weniger. Bei den Schiffen, die wir letztlich doch versenken mussten, da sie Gegenwehr leisteten, waren immer einige dabei, die lieber lebendig in unsere Dienste übertraten, als ihrem Schöpfer.

Ob ich gewissenlos wurde? Nein, dass will ich so nicht stehen lassen. Vielleicht wurde die Entscheidung über Leben und Tod auch mit jedem eigenen Verlust neu definiert. Ich hatte Verantwortung gegenüber dem Dorf und meiner Mannschaft.

Geschützt durch die Bucht ließ ich schließlich auch im Dorf unsere Flagge hissen. Ja, wir waren Piraten.

Dass ich so vielen Besiegten das Leben schenkte, hatte allerdings auch eine Kehrseite. Zusehens kannte man die „Freiheit“, ganz gleich ob sie ihren Namen trug, oder nicht. Auf einem Schiff wurde ich mit furchtsamen Rufen zwischen einem aufgeweckten aber kunstlosen Kapitän mit meinem Namen gerufen. Ich hieß inzwischen Kapitän Bartholomeus Baer, der tödliche Degen. Dabei hatte ich nie einem Gegner nicht mindestens zwei Chancen gegeben sich entwaffnen zu lassen. Ich tötete nicht gerne, ganz gewiss nicht, noch dazu wenn offenes Unverständnis für das Halten einer Waffe im Spiel war. Aber es war leider der einzige Weg den Kampf an Bord schnell abebben zu lassen. War der Kapitän erst aus dem Spiel gab die Mannschaft bald auf.

Woher das Gerücht stammte, ich würde meinen Degen benutzen um Schiffe auf See ausfindig machen und mich alleine mit dem Degen durch den Rumpf einer englischen Fregatte gebohrt zu haben, weiß ich nicht. Seemänner sind schon ein merkwürdiges Völkchen. Vielleicht war es ihre Art ihrer Ehrerbietung, oder um ihrer eigenen Angst Begründungen zu liefern, weshalb man bei der Heuer mehr Zuschlag bräuchte. Vielleicht war es auch nur das Ergebnis aus Wahrheit des Rumes.

Der zweifelhafte Ruhm um uns feuerte die Mannschaft an. Miguel hatte die Geschäfte im Dorf unter Kontrolle. Er und Reginald waren inzwischen Freunde und wir waren im fünften Jahr unserer gemeinsamen Unternehmung des Dorfes. Reginald berichtete uns von einer Kapellenerrichtung und sogar von zwei begabten Jungärzten, die er unter seine Fittiche nahm.

Conzuela begrüßte uns sicher auf ihrem Holzbein, als hätte sie keinerlei Verlust erlitten. Sie erzählte von diversen Eheschließungen und Geburten. Unser Dorf wuchs langsam aber sicher aus der Bucht heraus und ließ den Baumbestand schrumpfen. Zudem dachte man über einen Namen für das Dorf nach. Alle seien aufgerufen einen Namen zu finden. Ich dachte an meine richtige Heimat, an die [Hammerburg] zwischen dem dänischen Altona an der Stirnseite des germanischen Reiches. Wäre Deutschland damals nicht in sich uneinig gewesen, in viele Fürstentümer zersplittert, ohne Kaiser – es wäre möglich gewesen dort zu leben. [Hammerburg], heute würden sie vermutlich Hamburg sagen, oder heißt es inzwischen anders?. Ich hatte „[Hammerburg]“ auf der Zunge, aber ich hatte schon das Schiff eigenmächtig benannt. Das Dorf wollte ich nicht taufen.

Schließlich entschlossen wir uns zum letzten Schritt eines Piraten, das Kapern ganzer Schiffe. Die Freiheit war inzwischen einfach zu auffällig. Zudem hatten wir mehr Matrosen, als Platz auf der Freiheit. Was lag also näher, als sich ein Schiff zu kapern, um es ganz zu behalten, zur Flotte auszubauen, oder Schiffe zu Rohstoffen für das Dorf zu verarbeiten. Bis hierhin klingt es einfach. Aber an Bord des neuen Schiffes gab es auch eine Mannschaft!

In meiner eigenen Mannschaft gab es inzwischen ausreichend zwielichtige Gestalten, die zu uns überliefen, die ohne zu zögern eine starke Hand gegen die Besiegten gefordert hätten. Dennoch musste ich mein Gewissen wahren. Solange man ein Schiff in Küstennähe übernahm, war es einfach zu argumentieren. Aber erfolgte der Kampf auf hoher See…

Dabei wären viele von ihnen bereits nicht mehr am Leben, um solche Gewissenlosigkeiten auszusprechen, wäre ich einst so gewissenlos mit ihnen umgesprungen. Aber daran schienen sie sich kaum mehr zu erinnern, wenn sie die Planke forderten.

Die ehrbaren Engländer, die wenigen Franzosen und die Bürger verrauten immer mehr mit den Überlebenden mit denen wir unsere Posten weiter besetzten. Neben den Forderungen nach Nahrung kam bald auch immer mehr der Wunsch nach mehr Frauen im Dorf, nach mehr Amüsiermöglichkeiten. Ich sah immer mehr raue Sitten unter den Seefahrern. Es war kaum mehr ein Unterschied zwischen den alten und den neuen Kameraden zu sehen. Nachlassende Reinlichkeit musste durch Reginald und mich gefordert werden, ebenso wie die Unterlassung der Körperstechereien. Unser Erfolg lag stets in unserer Unauffälligkeit. Ein englischer Soldat mit Bart und Tätowierung ums rechte Auge ist nicht mehr unauffällig.

Wo es solche Umtriebe gab, musste es unter der Oberfläche des erfolgreichen Piratenlebens auch Unzufriedenheit geben. Mir war es ebenso bewusst, wie Miguel und Reginald. Zum Glück hörten wir keine direkten Gerüchte, die auf Revolte hinausliefen, aber Achtsamkeit konnte sicher nicht schaden!

Und dann kam der Zwölfte Dezember des Jahres [1620]. Als wir die Segel des spanischen Seglers ausmachten, machten sie sich nicht einmal mehr die Mühe Widerstand zu leisten. Der Kapitän hisste noch bevor wir etwas machen konnten eine weiße Fahne! Sachen gibt es, die bleiben in Erinnerung. Dies war das bis zu diesem Zeitpunkt obskurste Erlebnis auf See und zugleich die letzte Fahrt, von der ich zurückkehren sollte.

Ein letztes Mal genoss ich das Zusammensein mit Reginald, Miguel und Conzuela. Wir saßen gemeinsam auf der Veranda der kleinen Hazienda und schauten in die untergehende Sonne über dem Kamm der Bucht.

Im Hafen lagen inzwischen drei Schiffe, von denen allerdings die Freiheit immer noch das größte war. Ein größeres Schiff hätte meiner Erfahrung nach auch nicht durch die enge Passage gepasst. Und die kleinen Segler waren wendiger und unauffälliger, als hätten wir uns eine Fregatte oder eine Galeone gekapert. Oh, wir hatten eine Fregatte als Holzlieferant in [Sierra Nikola] liegen, okay.

Die Mannschaft verstand nicht ganz, weshalb ich auf das Schiff verzichtete und das erste Mal hörte ich offen das Wort „Meuterei“. Ich musste in dem Moment schon tief durchschlucken und den Rauner dafür mit dem Degenknauf niederstrecken. Aber was blieb mir?

Der Sonnenuntergang war schön. Ich teilte meine zunehmenden Befürchtnisse mit meinen Freunden. Sie meinten ich solle mir keine Sorgen machen. Solange wir erfolgreich rauskamen und heimkehrten, ohne dass die Welt von Germania erfuhren, umso besser.

„Ihr habt das Dorf Germania genannt?“, fragte ich. „Ay!“, sagte Conzuela, „die Bürger wollen dich damit als ihren Kapitän ehren! Du siehst, deine Befürchtungen sind nicht grösser, als deine Verehrung!“

„Ach ja? Aber einer von ihnen mit einer anderen Meinung und dem Messer im Ärmel reicht, um hundert andere vergessen zu machen!“, vertrat ich meine Sorge.

„Wenn wir die Kontrolle verlieren, verlieren wir auch den Ort und unsere Sicherheit! Auch ich weiß nicht was wir tun sollen. Aber vielleicht schläfst du erst einmal richtig aus. Morgen geht die Freiheit wieder raus. Dem Logbuch des Holländers nach müsste eine französische Fregatte in den nahen Gewässern sein. Laut dem Holländer stank der Kahn nach Vanilla, also eine Handelsfregatte.“, ließ sich Miguel vernehmen und blätterte weiter in dem gekaperten Logbuch.

Reginald nahm einen tiefen Zug aus seinem Tabakstummel und bließ den Rauch gen Himmel. „Wieso Vanilla, mein Freund? Was Bart richtig glücklich und sorgenfrei machen würde, wäre eine europäische Prinzessin mit weichem Verstand und anderen weichen Dingen! Dann wäre die Angst auch fort!“, fügte er paffend hinzu.

„Eine Frau in meinem Leben? Hey, nicht dass ich nicht auch einmal daran gedacht hätte, aber ihr wisst auch wie es ist. Erst einmal fahren nur wenige Frauen auf den Schiffen mit. Und wenn es doch einmal passiert, ist die Mannschaft vor mir daran ihre Ansprüche zu stellen. Schuldigung, aber ihr wisst, wie es den Frauen danach geht. Was soll ich machen? Ihnen Blumen schenken und etwas von ‚Kopf hoch‘ erzählen?“, erwiderte ich, woraufhin Miguel und Reg anfingen zu lachen. Conzuela machte ein zorniges Gesicht, „Jungs, dass ist nicht witzig! Bart hat Recht, aber es ist ganz bestimmt nicht witzig! Wir sind doch nicht so wie sie? Ich meine… wir sind doch keine Piraten!?“

„Ay, Conzuela! Ich wünschte du hättest Recht. Aber schau mal genau hin! Wir haben die Flagge hier in Germania gehisst, schau dir unsere Mannschaft und die Verhältnisse hier im Ort an. Sicher! Hochzeiten und Geburten, aber untereinander herrscht der Starke über den Armen. Was sollen wir tun? Wachen einstellen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten? Jene dort sind genau wie wir, weil wir ihnen dieses Leben gezeigt haben. Sie nahmen es an, gleich wer uns seinerzeit dahin stieß. Wem kann ich meine Schuld für mein Piratenleben geben? Dem Holländer, der sich heute fast in die Hosen gemacht hatte? – Lord Southlake, oder vielleicht doch der König, der mich hierher schickte, ohne an mich zu glauben? Wer ist Schuld? Danach wird keiner fragen, wenn sie uns vielleicht doch irgendwann erwischen! Wir sind Piraten. Und wir vier sind ihre Anführer!“

Reg lachte erneut, als er aufstand sich reckte: „Habt ihr den geschickten Übergang bemerkt? Bart mag das Thema Frauen nicht. Hörst du Bart? Frauen, Frauen, Frauen! Hey, das Wort tut doch niemandem weh! Hier eine Jungfrau zu erwarten ist eh kaum zu wagen. Denk daran, was sie uns hier rüberschicken! Sklavenschiffe für die Feldabtrag, Gefangene, die lieber in der neuen Welt arbeiten, als in der alten Welt im Kerker zu verrotten! Was erwartest du da? Und wenn schon die ganze Mannschaft drüber weg ist, na und? Du kannst sie mir ja erst einmal vorstellen, dass ich sie untersuche, aber auch ich garantiere da für gar nichts! Gute Nacht euch allen!“

Ich hatte Reg noch nie so reden hören und war durchaus empört, andererseits wusste ich natürlich, was er meinte! Und vielleicht hatte er auch wirklich recht. Wir waren Piraten! Und es machte kaum einen Unterschied, ob ich als Kapitän mich gewissenhafter verhielt, als meine Mannschaft. Es fällt eh immer auf mich zurück, da ich es billigte!

Ich unterhielt mich noch einen Augenblick mit Miguel und Conzuela, als die Sonne nur noch rot über der Bucht glimmte und der Schatten uns fast eingeholt hatte. Schließlich leerte ich einen Becher und ging in meine Hütte.

Am kommenden Morgen war ich wieder der furchtlose Degenschwinger, Kapitän Bart Baer.
Ich stieg an Bord und hielt wieder eine von jenen feurigen Reden, die das Feuer auf die Mannschaft überlaufen ließ. Ich wusste, dass sie das brauchten, so sehr ich einigen von ihnen zuweilen auch misstraute. Ich musste ein starker Kapitän sein, für eine starke Freiheit.

Ich hatte neben meinem Meisterkanonier, der inzwischen zu einem stattlichen Mann herangewachsen war auch einen von Regs Zöglingen als Arzt mit an Bord. Als wir aus der Bucht ausliefen, war wieder einmal die Großzahl der Bewohner am Strand versammelt, um uns das Glück der See zu wünschen. Ach ja… das Glück der See! Als wäre es eine buchbare Komponente. Wäre es so einfach täten die anderen Schiffe ein Kreuz bei der Option ‚’ohne Überfall’ eintragen. Und doch überfielen wir sie, ohne uns diesem Wunsch zu beugen.

Die erwähnte Vanillefregatte zu finden, war gar nicht so einfach. Wenn der Holländer sie vor drei Tagen bei [Trinidad] traf, dann könnte sie ab da zig Meilen in alle Richtungen weg sein. Unsere einzige Chance war in der Kenntnis der üblichen Routen entlang der bekannten Häfen. Der Holländer versuchte beispielsweise an [Sierra Nikola] vorbeizukommen, weil der Vanillakapitän ihn davor gewarnt hatte. Logbücher sind doch was Feines. Also hatte die Fregatte unsere Mausefalle vor dem Holländer in anderer Richtung passiert.

Am Abend des vierten Tages hatten wir eine kleine Finne am Horizont. Der Ausguck meldete uns keine erkennbare Beflaggung an die wir uns halten könnten. Also blieben auch wir neutral. Es war tatsächlich eine Fregatte. Wir kamen schnell näher und sahen keinerlei Anzeichen einer Reaktion.

Ich fand, dass die Fregatte merkwürdig im Wind liege und dass es wirkte, als sei sie führungslos. Tatsächlich tat sich nichts, als wir längsseits kamen. Keine Seele ließ sich an Bord sehen. Ich wollte die Freiheit nicht gefährden und wollte selbst an Bord der Fregatte steigen. Ich suchte mir drei Begleiter raus auf die ich Verlass hatte.

Als wir triefend nass auf der Fregatte ankamen, fanden wir zuerst eine verkeilte Leiche in der Ladeluke. Jonathan, der junge Kanonier redete bereits von Krankheit, aber das konnte ich nicht glauben. Wenn das Schiff vor sieben Tagen noch in Ordnung war, dann können jetzt nicht alle tot sein.

Dennoch schaffte es Jonathan, eine gruselige Stimmung zu schaffen, in der keiner der drei mehr vorangehen wollte.

Also schaffte ich den toten Matrosen alleine über die Reling, während die drei dastanden und darüber diskutierten, wer der größere Feigling sei.

Ja, ich konnte mich auf sie verlassen. Käme es jetzt tatsächlich auf einen Pulk kämpfender Menschen, hätten sie sofort ihr Leben für mich gegeben. Aber ohne sichtbare Bedrohung benahmen sie sich wie kleine Kinder.

Ich stieg die Ladeluke herab und sah mich um. Wer immer hier gewütet hatte, hatte saubere Arbeit geleistet, mal abgesehen von dem Toten in der Luke. Ich fand nichts Brauchbares. Einzig in der Kapitänskajüte lag das Logbuch. Es gab einen letzten Eintrag der irgendwie anders gekrizzelt war, als die anderen Einträge. Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und wollte die Kajüte gerade verlassen, da hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden.

Meinem Gefühl folgend ging ich zu dem großen Weidenkorb und zog meinen Degen. „Ist da wer? Wenn ja, dann wäre jetzt der Zeitpunkt aufzustehen!“

Sekundenlang starrte ich in die dunklen braunen Augen der wohl schönsten Frau, der ich seit meinem Abschied von Holland in die Augen schauen durfte, ach vielleicht noch länger. Ja, es war eine Nubierin, aber sie war so wunderschön, so anmutig und keusch, wie sie da stand. Sie sagte etwas, dass mal wieder nach französisch klang. Das erste Mal hatte ich das Gefühl diese Sprache klinge aus dem Mund einer Frau tatsächlich nach den Worten der Liebe, wenngleich sie kein liebes Gesicht machte.

Ich lächelte und deutete ihr sie aus dem Korb zu heben. Sie nahm an und ich roch ihre Haut. Eine Mischung aus dem Vanilleduft, der auf dem ganzen Schiff vorherrschte, gemischt mit dem Hauch aus Angstschweiß und Unsicherheit. Ich hätte sie gleich hier Küssen wollen, jedoch hörte ich die Stimmen meiner Helfer durch die Luke wandern.

Noch einmal lächelte ich sie tief an und reichte ihr meine Hand. Sie nahm sie zögerlich und ich überwand ihre Scheu. Sie war so wunderwunderschön. Ich küsste sie. Anfangs meinte ich etwas wie Abwehr zu spüren, der aber nachließ, als ich meine Hand in ihren Nacken legte und ihre Lippen fest auf meine presste. Dabei fiel mir das Logbuch endgültig aus der Achsel.

Die Tür ging auf und Frank und Jonathan blickten erstaunt aber schließlich zustimmend lachend in meine Richtung: „Ay Kapt’n, da habt ihr ja was Nettes gefunden. Sonst noch was?“

Ich bückte mich nach dem Logbuch und reichte es Jonathan. Er blätterte schnell nach der letzten Seite und las vor: „Oh Käpt’n! Da war einer schneller! Und ein Witzbold dazu! Nennt sich [Schwarzbart] und hat sich selbst hier in das Logbuch geschrieben. Er bedankt sich für das süße Geheimnis!“

[Schwarzbart]? Noch nie gehört. Ob es mein dunkler Zwilling war? Der schwarze Bartholomeus Baer? Oder sollte das ein Scherz auf meine Kosten sein?

Wie dem auch sei, er hatte sich getäuscht. Denn das süßeste Geheimnis hatte ich gerade erst geküsst. Ich nahm sie wieder an die Hand und sie schien allzu bereit zu sein uns nach draußen zu folgen.

Wieder sagte sie etwas auf französisch. Ich liebte es! Es war von ihr und klang erneut wie der Himmel. Natürlich war mir klar, dass es ebenso eine Warnung sein konnte, etwas worauf meine Prinzessin mich hinweisen wollte. Aber sie schien mich und Jonathan ebenso wenig zu verstehen.

Da ansonsten nichts zu finden war, deutete ich ihr, dass wir zur Freiheit schwimmen müssten. Bereitwillig sprang sie voraus. Im Wasser konnte ich ihre Konturen deutlich sehen. Sie konnte kaum älter als zwanzig sein. Die vernarbten Spuren auf ihrem Rücken ließen annehmen, dass sie erwartungsgemäß eine Sklavin war. Aber mir war das egal. Bei uns wäre sie ebenso frei, wie alle anderen. Bei uns könnte sie ein neues Leben anfangen. Ein Leben, wenn es nach mir ginge, an meiner Seite!

Auf der Freiheit angekommen, machte die Mannschaft begeisterte Pfiffe. Als auch ich an Bord geklettert war, sah ich, dass ihre Nippel sich durch das Hemd deutlich abzeichneten. Die nassen Haare klebten ihr im Gesicht, verdeckten ungewollt einen Teil ihres Gesichts und ließen sie somit noch fraulicher wirken.

„Jungs! Diesmal nicht! Ich erhebe Anspruch auf diese Schönheit! Ich war drüben und ich habe sie gefunden!“

„Aber klar Kapitän! Ihr habt natürlich das Vorrecht. Aber wenn ihr fertig seid…“, verstummte Will als er meinen Gesichtsausdruck sah!

„Sie wird in meine Kabine gebracht und ich brauche dich Pierre. Sie spricht nur französisch und ich verstehe nichts!“, rief ich Pierre herüber.

„Ay!“, antwortete Pierre und folgte uns den Weg zur Kabine hinunter.

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Sie hatten Kurzweil bis hierhin? Dann würde ich mich über eine kleine Anerkennung freuen! Frei dem Sinne: „Hasse ma’n Euro?“ Vielen lieben Dank im voraus!!

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